Newer posts are loading.
You are at the newest post.
Click here to check if anything new just came in.

Interview mit Jesco von Puttkamer

Jesco von Puttkamer im ÖWF Interview

Jesco von Puttkamer im ÖWF Interview

Prof. Dr. Jesco von Puttkamer ist Raumfahrtwissenschaftler und Programm-Manager für bemannte Raumfahrt bei der US-Weltraumbehörde NASA und nahm sich während seines Urlaubs die Zeit für ein persönliches Interview mit uns.

Der Maschinenbau-Ingenieur begann vor knapp 50 Jahren seine berufliche Laufbahn bei der NASA, wo er zunächst am Apollo-Mond-Landeprogramm mitarbeitete. Seit 1974 ist Jesco von Puttkamer in der NASA-Zentralverwaltung in Washington beschäftigt, erst als Programmleiter für vorausschauende lang-fristige Planungsstudien für die permanente Erschließung des Alls, dann im Rahmen der Entwicklung des Space Shuttle und der Internationalen Raumstation ISS.

ÖWF: Herr von Puttkamer, wie kam es zu Ihrer Begeisterung für die Raumfahrt besonders für den Mars? Gab es ein Schlüsselerlebnis oder ist es eine gewachsene Leidenschaft?

Angefangen hat alles bei einem kleinen Jungen, der 1945 12 Jahre alt war, hellwach, neugierig und zertrümmerte Städte sah. Ich hatte eine sehr kluge Oma – es sind immer die Omas, die helfen – die Lehrerin war, und ich fragte sie nach Zukunftsperspektiven. Sie riet mir: „Geh in die Raumfahrt, ohne die machen wir uns eines Tages kaputt.“ So habe ich schon mein Abitur und Studium auf Ingenieurwesen und Raumfahrt ausgerichtet, auch weil Wernher von Braun mir in unserer Briefkonversation dazu riet.

Nach dem Studium war ich Forschungsingenieur beim heutigen DLR und schrieb an von Braun das ich auswandern möchte. Ich wollte unbedingt nach Amerika, es war das Land von Karl May, der deutsche Romantiker kam da durch. So schlug ich aber vor, erst in der Industrie wirken zu wollen, um Grundlagen zu lernen. Darauf hin hat von Braun sofort ein Telegram geschickt: „Don’t go to the industry, come to Huntsville we are flying to the moon.“ Diese Nachricht hat mich fast umgehauen. Er schickte noch einen längeren Brief hinterher und so ging ich im Sommer 1962 nach Huntsville/Alabama. Wernher war so inspirierend, hat sein Team so gut geführt, dass wir innerhalb von 8 Jahren die Rakete gebaut haben.

Viele Jahre später, so vor 5/6 Jahren oder noch länger, hat die NASA alle ihre Personalunterlagen digitalisiert und ich bekam meine Papier-Personalakte zurück, ein richtig dicker Stoß. Da war alles drin, etliche Memoranda von Wernher von Braun, von meinen Chefs und Erklärungen warum ich z. B. eine Beförderung erhalten sollte, hoch lobend. Gesagt hat mir das keiner, es gab ne Beförderung aber ohne Erklärung. In diesen Unterlagen habe ich eine Notiz von Wernher von Braun gefunden, Tenor: Wenn der zur Industrie geht, kommt er nicht mehr zu uns, denn da bekommt er gleich 10x mehr. Einen wie ihn brauchen wir. Da Kennedy dem Mondprojekt so eine hohe Priorität gegeben hatte, konnte ich damals einfach einreisen. Und ich bin dabei geblieben, seit 50 Jahren. – In Huntsville gibt es einen Hohlweg, im Sommer zugewachsen wie eine gotische Kathedrale. Gleichermaßen fokussiert ist mein Weg, es ist eine Berufung, nicht nur ein Job bei dem ich auf den nächsten Zahltag warte.

ÖWF: Färbt die strukturierte, organisierte und planvolle Arbeitsweise bei der NASA auf das Privatleben ab? Haben Sie immer einen Plan B?

Es färbt schon ab. Leider. Viele Leute meinen, ich sollte doch mehr loslassen. Im Kopf hab ich schon immer einen Plan B. Ich hasse Überraschungen, möchte vorbereitet sein, auf mögliche Entwicklungen. Bei einem Moskaubesuch z. B. hatte sich ein Selbstmordattentäter am Flughafen in die Luft gesprengt. Somit überlege ich für zukünftige Besuche schon, was ich im Falle eines Falles tue, wohin ich gehen würde.

Beruflich habe ich oftmals umplanen müssen, denn ursprünglich sah unser Fortschritt sehr viel besser aus, ich dachte, dass wir Mars viel früher erreichen können. Aber dann kommen immer diese Momente, wo einem die Politik ins Ruder fällt oder die Außenwelt sich verändert durch Krieg z. B. Die Internationalisierung hingegen war ein unglaublich positiver Schritt voran, dass wir mit den Sowjets zusammengehen, hätte ich nie geglaubt.

Mein Plan A ist also Brücken bauen: Das wichtigste Anliegen der Raumfahrt betrifft die Jugend. Im Großen und Ganzen sind die Zukunftsperspektiven ziemlich dünn, würde ich sagen, für Menschen, die auf der Landkarte neue Gebiete erforschen wollen. Wir geben ihnen neue Perspektiven und machen Visionen erlebbar.

Zweitens ist ein Gremium entstanden, die ISECG (International Space Exploration Coordination Group), in dem sich derzeit 14 gleichberechtigte Mitgliedsnationen über die zukünftige „Roadmap“ im All geeint haben. Alle wollen sie zum Mars in den nächsten 25 Jahren. Ein Wunder! Früher wäre das Science Fiction gewesen, Nationen, die auf der Erde uneinig sind, haben gemeinsame, friedliche Ziele für den Weltraum.

ÖWF: Wird aus Ihrer Sicht die erste bemannte Mars-Mission eine One-way-Mission werden oder gehen Sie von einer Rückkehr der Marsonauten zur Erde aus?

Nur hinfliegen, hier sind wir und das war es, darum geht es nicht. Die Vision ist, dass der Mensch den Mars später zum Ableger seiner Zivilisation machen wird. So könnte es sein, dass in Jahrtausenden, nicht nur eine Erde die Sonne umkreist, sondern – nach ökosynthetischer Umformung der Marswelt – deren zwei. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Erde wieder mehr schätzen lernen, wenn wir aus weiter Ferne zu ihr zurückblicken.

Also es wird kein One-way-flight. Zuerst wird ein unbemanntes Raumschiff hinfliegen und lädt die nötigen Rohstoffe, eine kleine Fabrik zur Herstellung von Sauerstoff usw. ab, sodass die bemannte Folgemission beim Eintreffen auf dem Mars ein „gemachtes Nest“ vorfindet.

Momentan sind wir von den Russen abhängig, darum entwickeln wir nun eine neue Großträgerrakete, das SLS (Space Launch System), die zunächst 70 Tonnen Nutzlast ins All tragen kann, später bis zu 130 t, größer ist als unsere legendäre Mondrakete Saturn V und 2016 zum ersten mal fliegen soll. 2018 ist ihr erster Flug zum Mond geplant. Hinzu kommt eine Mannschaftskapsel namens Orion für zunächst eine 4-, später 6-köpfige Besatzung. Als Missionsziele gelten der Mond, Asteroiden, die beiden Marsmonde und der Planet Mars selbst.

ÖWF: Wann wird es Ihrer Meinung nach soweit sein? Wann werden Menschen den roten Planeten betreten?

Wenn wir heute sagen, wir fliegen 2030 so ist das relativ konservativ. Durch die Zusammenarbeit der 14 Nationen (ISECG) glaube ich, es wird schneller gehen. Wir können die Aufgaben aufteilen wie auch Kosten und Risiken. Wir schaffen neue Arbeitsplätze, bieten Perspektiven, eine Horizonterweiterung wie damals bei Apollo auch.

ÖWF: Könnten die Chinesen alleine zum Mars fliegen?

Dass die Chinesen alleine zum Mars fliegen, ist unmöglich, doch eine Zusammenarbeit denkbar. Jedoch muss man auf die kulturellen Unterschiede der Nationen eingehen. Das ist der Grund warum die 16 Nationen mit der ISS bisher so erfolgreich zusammen gearbeitet haben. Obwohl unterschiedliche politische Meinungen von Haus aus herrschen, vertragen wir uns im Weltraum. Da sind die Aufgaben überschaubar und lösbar aber nur durch Logik nicht durch Politik und deswegen glaube ich, dass die Hoffnung der Zukunft dort liegt.

Jesco von Puttkamer signiert Bild von ÖWF Marsanzug Aouda

Jesco von Puttkamer signiert Bild von ÖWF Marsanzug Aouda

ÖWF: Was halten Sie von privatwirtschaftlichem Weltraumtourismus? Werden private Weltraumprojekte längerfristig erfolgreich sein?

Das gehört mit zur Entwicklung. Früher war es ebenso unvorstellbar, dass jeder zu den Pyramiden reisen kann, heute können das viele. So wird auch der Weltraumtourismus selbstverständlicher werden. Nur eben wird es kein Massentourismus werden da teuer. Man ist nicht eigentlich im Orbit, dies liegt noch lange in der Zukunft. Schön, vielleicht ist man zwei, drei Minuten gewichtslos und dann geht es wieder zurück. Zumindest ist es das, was man Weltraumtouristen erstmal anbieten wird. Wenn es interessanter werden soll, dann müsste es auch ein Hotel geben. Dafür gibt es Pläne, schon seit langem in der Entwicklung. Nur einfach hinauf fliegen und wieder runterkommen wird früher oder später langweilig werden. Somit sind große Investitionen internationaler Reisefirmen in Zusammenarbeit mit privaten Raumfahrtunternehmen nötig, ein Unternehmen alleine kann das nicht leisten.

Wir haben ein Experiment in Amerika laufen, Frachtzufuhr zur ISS durch Privatfirmen umsetzen zu lassen. Personentransporte durch Fremdfirmen können wir erst zulassen, wenn wir uns von der Sicherheit überzeugt haben. Schon allein mit den Versicherungen wird es sonst schwierig. Dragon wird dieses Jahr zum ersten Mal Fracht kommerziell zur ISS bringen. Es gibt noch zwei andere Firmen, die daran arbeiten, denn wir können uns nicht nur auf einen Partner verlassen. Falls der versagt, müssen wir Alternativen haben. Drei Firmen arbeiten auch an dem bemannten Transport. Die NASA ist grundsätzlich sehr vorsichtig, Sicherheit ist oberstes Gebot. Wir finanzieren das zwar indem wir die Firmen ordentlich bezahlen – also finanziert die privaten Projekte am Ende z. T. auch der Steuerzahler – arbeiten aber an unseren eigenen Projekten (Orion und die Großträgerrakete wie schon geschildert).

ÖWF: Beflügeln solche Projekte das Interesse der Menschen am Weltraum?

Ja, vielleicht kommt damit eher so ein Wir-Gefühl auf. Wir, das Volk machen es, nicht die NASA. Doch es muss trotzdem exakt sein. Die NASA ist immer involviert, sonst würden die privaten Anbieter keine Fluggenehmigung erhalten. Sicherer Flugbetrieb muss gewährleistet werden. Die Glaubwürdigkeit einer ganzen Industrie steht auf dem Spiel. Wenn nur etwas schief geht, sind die Firmen sehr schnell pleite, Aktionäre ziehen ihre Gelder ab. Es ist ein Vabanquespiel – also ein Spiel mit hohem Risiko.

Wernher von Braun sagte immer, wenn er so gefragt wurde nach teurer Raumfahrt: „Das ist das Weltraumgesetz Nr. 1. Bemannte Weltraumfahrt ist teuer, da kann man nichts daran ändern, das kann man nicht billig machen und wenn es dir in der Küche zu heiß ist, geh raus.“ Was er meinte war, wenn es dir zu teuer ist, lass es sein, befass dich nicht damit. Sobald man spart, ein paar Tests auslässt, geht das auf die Sicherheit – gerade in der Raumfahrt. Wenn man irgendwas weglässt sieht man nicht zwangsläufig deutlich, ob es sicherheitsgefährdend ist. Man kann unglaublich überrascht werden. Ist uns auch passiert, wir haben zwei Shuttles dadurch verloren. Wenn Ihnen jemand billige bemannte Raumfahrt anbietet, dann denken Sie nach und ziehen sie Ihre eigenen Schlüsse.

ÖWF: Es war ein besonderes Vergnügen Sie persönlich zu treffen, Herr von Puttkamer! Ich bedanke mich herzlich für Ihre Zeit, die ausführlichen Antworten und all die kleinen Anekdoten, mit denen Sie mich begeistert haben. Bleiben Sie gesund, wobei Sie uns weiterhin mit Marsfieber infizieren dürfen. Ich freue mich auf Ihr neues Buch! :-)
Marlen Raab

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl