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September 17 2013

Interview mit Sy Liebergot, Apollo EECOM

Seymour “Sy” Liebergot, geboren 1936, arbeitete während des Apollo Programmes als EECOM (Electrical, Environmental and COMmunication systems). Er gehörte zum Team, das Apollo 13 wieder sicher zurück zur Erde brachte.

Sy Liebergot im Apollo Flight Control Room (c) arstechnica (Steven Michael)

Sy Liebergot im Apollo Flight Control Room (c) arstechnica (Steven Michael)

ÖWF: Technology advances let aside, what are the major differences between your generation of flight controllers, and -say- todays ISS flight controllers in terms of mentality or working attitude?

We were encouraged to speak our mind The Apollo flight controller was part of the continuing evolution of the tradition begun by Chris Kraft during the Mercury and Gemini programs. The typical flight controller was young (at 33, I was among the oldest during Apollo 11), male (during Apollo, there were no female flight controllers), assertive to aggressive, certainly arrogant, and willing to make decisions under pressure; this last attribute was mandatory. Unfortunately for some of us, the aggressive attitude that we adopted and wielded at work would last a lifetime. IMO, within NASA, since Apollo and during Shuttle, career ladders became more important than speaking out when there was any suspicion of something amiss.
ISS FCs have a different task. The timeframe is not as urgent, but the operatic is still PC.


ÖWF: Sometimes it seems, that today’s space exploration programs are seemingly stalling and people tend to reflect upon the «glorious days» back during Apollo, envisioning a period of almost unlimited resources and a population which was super-supportive of the space program in the late 60s. Was that really the reality compared to today’s space business, or it is just romantic perception of the Apollo period?

The reality of the of the 1960s was to beat the Russians to the Moon. i.e. politics and military prowess.
Nov. 21, 1962 John F. Kennedy (from Apollo EECOM: Journey Of A Lifetime)
[A JFK tape transcript of a meeting to discuss Supplemental (budget) Appropriations for NASA was released in 2002. The meeting took place on November 21, 1962 and contained an exchange between President John F. Kennedy and James Webb, then NASA Administrator during which Webb told Kennedy that ‘he didn’t feel a Moon landing should be NASA’s top priority.’ Kennedy disagreed saying in part, “Everything we do ought to really be tied into getting on the Moon before the Russians….. otherwise, we shouldn't be spending this kind of money because I'm not that interested in space.”
So much for the romance of space exploration; this was only a cold war tactic.]

Today, there is no Russia to beat; in fact we don’t care about beating any country in anything. So now, it’s all about politics and funding.

ÖWF: Imagine you are back in the Apollo flight control room. If someone would have asked you about when the first human mission to Mars would be realistically possible, or when the first lunar base would be reality – what would have been your answer back then?

I would have impatiently remarked that a Mars mission was science fiction and it was premature to consider a Moon base and for what? We were preoccupied with achieving lunar landings.

ÖWF: In your view – what is the thing our current space exploration programs need most (well, except funding): are we lacking the technology? Is our society loosing curiosity? Have we forgotten how to take risks?

The public will never be excited about unmanned (robotic) space missions and a mission less space station (ISS). A manned Mars mission should be planned and sold as a long-term program—a 30 year program with a 3 year round trip manned mission. The current ISS has wasted resources that could have been applied toward such a program.

ÖWF: Is there anything you’d like to pass on to our men?

I have no doubt that the training and dedication of the individuals and companies involved will again demonstrate how strong the human spirit of exploration is still. It has been said that great nations discover and explore. Great nations cross oceans, settle frontiers and continually renew their heritage and spirits and create greater freedom and opportunity for the world. Great nations must also remain on the front edge of technologically advanced programs to maintain their security edge. This is the vision of a statesman, but currently we are infected with politicians who are concerned only with being re-elected and maintaining power.

August 25 2012

“…One Giant Loss for Mankind” – Neil Armstrong 1930-2012

Neil Armstrong im Mondlandemodul "Eagle"

Neil Armstrong im Mondlandemodul “Eagle” auf der Mondoberfläche am 20. Juli 1969 (c) NASA

Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond, ist drei Wochen nach einer Herzoperation 82-jährig verstorben. Der Astronaut verbrachte insgesamt 8 Tage, 14 Stunden und 12 Minuten im Weltraum, darunter als Kommandant der legendären Apollo 11 Mondmission.

Mitte der 50er Jahre begann seine Karriere zuerst als Testpilot, darunter auch im Cockpit der X-31, einem experimentellen Jet mit dem er 62 Kilometer Gipfelhöhe erreichte. 1962 wurde er in das zweite NASA Astronauten-Korps akzeptiert, bereits 1966 bewies er als Kommandant von Gemini 8 bei einer Fehlfunktion der Raumkapsel Nervenstärke. Dies dürfte auch einer der Gründe gewesen sein, ihn als Kommandant der ersten Landemission auf dem Mond auszuwählen. Er war der einzige Apollo-Astronaut, der nicht von der Navy oder Air Force stammte.

1971 verließ er die NASA, lehrte bis 1979 an der Univ. Cincinnati um dann anschließend in Vorstandsfunktion in mehreren Raumfahrtunternehmen tätig zu sein. Armstrong war gerade in den letzten Jahren sehr medienscheu. Eine wesentliche Ausnahme: Seine Kritik am aktuellen Raumfahrtprogramm der USA mit dem Risiko, die Führerschaft im Weltraumsektor langfristig zu gefährden.

“Mit dem Tod von Neil Armstrong leben nur noch 8 der ursprünglich 12 Apollo-Astronauten die auf dem Erdtrabanten gelandet sind”,

bemerkt Dr. Gernot Grömer (ÖWF),

“wohl kaum ein anderer Name steht seit jeher für die Erkundung des Mondes wie Armstrong – er ist für viele von uns Inspiration. Sein Tod ist vor allem insofern ein tragischer Verlust, da die Mondmissionen damit ein Stück mehr Geschichte geworden sind und damit ein Wenig an Lebendigkeit und Nahbarkeit verloren haben.”

Der Mars Rover Curiosity landete übrigens am Geburtstag von Neil Armstrong am 5. August 2012 auf dem Mars.

February 21 2012

Interview mit Jesco von Puttkamer

Jesco von Puttkamer im ÖWF Interview

Jesco von Puttkamer im ÖWF Interview

Prof. Dr. Jesco von Puttkamer ist Raumfahrtwissenschaftler und Programm-Manager für bemannte Raumfahrt bei der US-Weltraumbehörde NASA und nahm sich während seines Urlaubs die Zeit für ein persönliches Interview mit uns.

Der Maschinenbau-Ingenieur begann vor knapp 50 Jahren seine berufliche Laufbahn bei der NASA, wo er zunächst am Apollo-Mond-Landeprogramm mitarbeitete. Seit 1974 ist Jesco von Puttkamer in der NASA-Zentralverwaltung in Washington beschäftigt, erst als Programmleiter für vorausschauende lang-fristige Planungsstudien für die permanente Erschließung des Alls, dann im Rahmen der Entwicklung des Space Shuttle und der Internationalen Raumstation ISS.

ÖWF: Herr von Puttkamer, wie kam es zu Ihrer Begeisterung für die Raumfahrt besonders für den Mars? Gab es ein Schlüsselerlebnis oder ist es eine gewachsene Leidenschaft?

Angefangen hat alles bei einem kleinen Jungen, der 1945 12 Jahre alt war, hellwach, neugierig und zertrümmerte Städte sah. Ich hatte eine sehr kluge Oma – es sind immer die Omas, die helfen – die Lehrerin war, und ich fragte sie nach Zukunftsperspektiven. Sie riet mir: „Geh in die Raumfahrt, ohne die machen wir uns eines Tages kaputt.“ So habe ich schon mein Abitur und Studium auf Ingenieurwesen und Raumfahrt ausgerichtet, auch weil Wernher von Braun mir in unserer Briefkonversation dazu riet.

Nach dem Studium war ich Forschungsingenieur beim heutigen DLR und schrieb an von Braun das ich auswandern möchte. Ich wollte unbedingt nach Amerika, es war das Land von Karl May, der deutsche Romantiker kam da durch. So schlug ich aber vor, erst in der Industrie wirken zu wollen, um Grundlagen zu lernen. Darauf hin hat von Braun sofort ein Telegram geschickt: „Don’t go to the industry, come to Huntsville we are flying to the moon.“ Diese Nachricht hat mich fast umgehauen. Er schickte noch einen längeren Brief hinterher und so ging ich im Sommer 1962 nach Huntsville/Alabama. Wernher war so inspirierend, hat sein Team so gut geführt, dass wir innerhalb von 8 Jahren die Rakete gebaut haben.

Viele Jahre später, so vor 5/6 Jahren oder noch länger, hat die NASA alle ihre Personalunterlagen digitalisiert und ich bekam meine Papier-Personalakte zurück, ein richtig dicker Stoß. Da war alles drin, etliche Memoranda von Wernher von Braun, von meinen Chefs und Erklärungen warum ich z. B. eine Beförderung erhalten sollte, hoch lobend. Gesagt hat mir das keiner, es gab ne Beförderung aber ohne Erklärung. In diesen Unterlagen habe ich eine Notiz von Wernher von Braun gefunden, Tenor: Wenn der zur Industrie geht, kommt er nicht mehr zu uns, denn da bekommt er gleich 10x mehr. Einen wie ihn brauchen wir. Da Kennedy dem Mondprojekt so eine hohe Priorität gegeben hatte, konnte ich damals einfach einreisen. Und ich bin dabei geblieben, seit 50 Jahren. – In Huntsville gibt es einen Hohlweg, im Sommer zugewachsen wie eine gotische Kathedrale. Gleichermaßen fokussiert ist mein Weg, es ist eine Berufung, nicht nur ein Job bei dem ich auf den nächsten Zahltag warte.

ÖWF: Färbt die strukturierte, organisierte und planvolle Arbeitsweise bei der NASA auf das Privatleben ab? Haben Sie immer einen Plan B?

Es färbt schon ab. Leider. Viele Leute meinen, ich sollte doch mehr loslassen. Im Kopf hab ich schon immer einen Plan B. Ich hasse Überraschungen, möchte vorbereitet sein, auf mögliche Entwicklungen. Bei einem Moskaubesuch z. B. hatte sich ein Selbstmordattentäter am Flughafen in die Luft gesprengt. Somit überlege ich für zukünftige Besuche schon, was ich im Falle eines Falles tue, wohin ich gehen würde.

Beruflich habe ich oftmals umplanen müssen, denn ursprünglich sah unser Fortschritt sehr viel besser aus, ich dachte, dass wir Mars viel früher erreichen können. Aber dann kommen immer diese Momente, wo einem die Politik ins Ruder fällt oder die Außenwelt sich verändert durch Krieg z. B. Die Internationalisierung hingegen war ein unglaublich positiver Schritt voran, dass wir mit den Sowjets zusammengehen, hätte ich nie geglaubt.

Mein Plan A ist also Brücken bauen: Das wichtigste Anliegen der Raumfahrt betrifft die Jugend. Im Großen und Ganzen sind die Zukunftsperspektiven ziemlich dünn, würde ich sagen, für Menschen, die auf der Landkarte neue Gebiete erforschen wollen. Wir geben ihnen neue Perspektiven und machen Visionen erlebbar.

Zweitens ist ein Gremium entstanden, die ISECG (International Space Exploration Coordination Group), in dem sich derzeit 14 gleichberechtigte Mitgliedsnationen über die zukünftige „Roadmap“ im All geeint haben. Alle wollen sie zum Mars in den nächsten 25 Jahren. Ein Wunder! Früher wäre das Science Fiction gewesen, Nationen, die auf der Erde uneinig sind, haben gemeinsame, friedliche Ziele für den Weltraum.

ÖWF: Wird aus Ihrer Sicht die erste bemannte Mars-Mission eine One-way-Mission werden oder gehen Sie von einer Rückkehr der Marsonauten zur Erde aus?

Nur hinfliegen, hier sind wir und das war es, darum geht es nicht. Die Vision ist, dass der Mensch den Mars später zum Ableger seiner Zivilisation machen wird. So könnte es sein, dass in Jahrtausenden, nicht nur eine Erde die Sonne umkreist, sondern – nach ökosynthetischer Umformung der Marswelt – deren zwei. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Erde wieder mehr schätzen lernen, wenn wir aus weiter Ferne zu ihr zurückblicken.

Also es wird kein One-way-flight. Zuerst wird ein unbemanntes Raumschiff hinfliegen und lädt die nötigen Rohstoffe, eine kleine Fabrik zur Herstellung von Sauerstoff usw. ab, sodass die bemannte Folgemission beim Eintreffen auf dem Mars ein „gemachtes Nest“ vorfindet.

Momentan sind wir von den Russen abhängig, darum entwickeln wir nun eine neue Großträgerrakete, das SLS (Space Launch System), die zunächst 70 Tonnen Nutzlast ins All tragen kann, später bis zu 130 t, größer ist als unsere legendäre Mondrakete Saturn V und 2016 zum ersten mal fliegen soll. 2018 ist ihr erster Flug zum Mond geplant. Hinzu kommt eine Mannschaftskapsel namens Orion für zunächst eine 4-, später 6-köpfige Besatzung. Als Missionsziele gelten der Mond, Asteroiden, die beiden Marsmonde und der Planet Mars selbst.

ÖWF: Wann wird es Ihrer Meinung nach soweit sein? Wann werden Menschen den roten Planeten betreten?

Wenn wir heute sagen, wir fliegen 2030 so ist das relativ konservativ. Durch die Zusammenarbeit der 14 Nationen (ISECG) glaube ich, es wird schneller gehen. Wir können die Aufgaben aufteilen wie auch Kosten und Risiken. Wir schaffen neue Arbeitsplätze, bieten Perspektiven, eine Horizonterweiterung wie damals bei Apollo auch.

ÖWF: Könnten die Chinesen alleine zum Mars fliegen?

Dass die Chinesen alleine zum Mars fliegen, ist unmöglich, doch eine Zusammenarbeit denkbar. Jedoch muss man auf die kulturellen Unterschiede der Nationen eingehen. Das ist der Grund warum die 16 Nationen mit der ISS bisher so erfolgreich zusammen gearbeitet haben. Obwohl unterschiedliche politische Meinungen von Haus aus herrschen, vertragen wir uns im Weltraum. Da sind die Aufgaben überschaubar und lösbar aber nur durch Logik nicht durch Politik und deswegen glaube ich, dass die Hoffnung der Zukunft dort liegt.

Jesco von Puttkamer signiert Bild von ÖWF Marsanzug Aouda

Jesco von Puttkamer signiert Bild von ÖWF Marsanzug Aouda

ÖWF: Was halten Sie von privatwirtschaftlichem Weltraumtourismus? Werden private Weltraumprojekte längerfristig erfolgreich sein?

Das gehört mit zur Entwicklung. Früher war es ebenso unvorstellbar, dass jeder zu den Pyramiden reisen kann, heute können das viele. So wird auch der Weltraumtourismus selbstverständlicher werden. Nur eben wird es kein Massentourismus werden da teuer. Man ist nicht eigentlich im Orbit, dies liegt noch lange in der Zukunft. Schön, vielleicht ist man zwei, drei Minuten gewichtslos und dann geht es wieder zurück. Zumindest ist es das, was man Weltraumtouristen erstmal anbieten wird. Wenn es interessanter werden soll, dann müsste es auch ein Hotel geben. Dafür gibt es Pläne, schon seit langem in der Entwicklung. Nur einfach hinauf fliegen und wieder runterkommen wird früher oder später langweilig werden. Somit sind große Investitionen internationaler Reisefirmen in Zusammenarbeit mit privaten Raumfahrtunternehmen nötig, ein Unternehmen alleine kann das nicht leisten.

Wir haben ein Experiment in Amerika laufen, Frachtzufuhr zur ISS durch Privatfirmen umsetzen zu lassen. Personentransporte durch Fremdfirmen können wir erst zulassen, wenn wir uns von der Sicherheit überzeugt haben. Schon allein mit den Versicherungen wird es sonst schwierig. Dragon wird dieses Jahr zum ersten Mal Fracht kommerziell zur ISS bringen. Es gibt noch zwei andere Firmen, die daran arbeiten, denn wir können uns nicht nur auf einen Partner verlassen. Falls der versagt, müssen wir Alternativen haben. Drei Firmen arbeiten auch an dem bemannten Transport. Die NASA ist grundsätzlich sehr vorsichtig, Sicherheit ist oberstes Gebot. Wir finanzieren das zwar indem wir die Firmen ordentlich bezahlen – also finanziert die privaten Projekte am Ende z. T. auch der Steuerzahler – arbeiten aber an unseren eigenen Projekten (Orion und die Großträgerrakete wie schon geschildert).

ÖWF: Beflügeln solche Projekte das Interesse der Menschen am Weltraum?

Ja, vielleicht kommt damit eher so ein Wir-Gefühl auf. Wir, das Volk machen es, nicht die NASA. Doch es muss trotzdem exakt sein. Die NASA ist immer involviert, sonst würden die privaten Anbieter keine Fluggenehmigung erhalten. Sicherer Flugbetrieb muss gewährleistet werden. Die Glaubwürdigkeit einer ganzen Industrie steht auf dem Spiel. Wenn nur etwas schief geht, sind die Firmen sehr schnell pleite, Aktionäre ziehen ihre Gelder ab. Es ist ein Vabanquespiel – also ein Spiel mit hohem Risiko.

Wernher von Braun sagte immer, wenn er so gefragt wurde nach teurer Raumfahrt: „Das ist das Weltraumgesetz Nr. 1. Bemannte Weltraumfahrt ist teuer, da kann man nichts daran ändern, das kann man nicht billig machen und wenn es dir in der Küche zu heiß ist, geh raus.“ Was er meinte war, wenn es dir zu teuer ist, lass es sein, befass dich nicht damit. Sobald man spart, ein paar Tests auslässt, geht das auf die Sicherheit – gerade in der Raumfahrt. Wenn man irgendwas weglässt sieht man nicht zwangsläufig deutlich, ob es sicherheitsgefährdend ist. Man kann unglaublich überrascht werden. Ist uns auch passiert, wir haben zwei Shuttles dadurch verloren. Wenn Ihnen jemand billige bemannte Raumfahrt anbietet, dann denken Sie nach und ziehen sie Ihre eigenen Schlüsse.

ÖWF: Es war ein besonderes Vergnügen Sie persönlich zu treffen, Herr von Puttkamer! Ich bedanke mich herzlich für Ihre Zeit, die ausführlichen Antworten und all die kleinen Anekdoten, mit denen Sie mich begeistert haben. Bleiben Sie gesund, wobei Sie uns weiterhin mit Marsfieber infizieren dürfen. Ich freue mich auf Ihr neues Buch! :-)
Marlen Raab

October 23 2011

AUSTROMIR – Eine Trilogie-Rückblick 20 Jahre nach der Mission

Ouvertüre

Von zweiten bis zehnten Oktober neunzehnhunderteinundneunzig flog ein echter Österreicher acht Tage lang um die Erde. Ich war damals dreizehn Jahre alt und habe alles gesammelt, was mit dieser wunderbaren und merkwürdigen Mission in Verbindung zu bringen war: Zeitungsausschnitte, Bücher, Fotos, Modelle – zusammengetragen im Glauben, einem Ereignis von globaler historischer Tragweite beizuwohnen. Und für einen jungen Österreicher war es das wohl auch: ein Landsmann im Weltall. Ein rot-weiß-roter Wimpel auf der Raumstation. Mozartkugeln, schwerelos. Grüß Gott!

Heute schreibe ich, mittlerweile selber in der Raumfahrt tätig, über die Mission AUSTROMIR, die in diesen Tagen das zwanzigjährige Jubiläum feiert. Es ist – zugegebener Maßen – nicht die gleiche Feierlichkeit, die 40 Jahre Mondlandung bedeutet hatten, oder 50 Jahre Gagarin. Aber für den gelernten Patrioten zwischen Bodensee und Neusiedler See haben die Worte einen fast heimeligen Klang: Viehböck (welcher andere Name wäre des ersten Österreichers im All angemessen gewesen)! MIR! Sternenstädtchen!
Austromir Buch - Edition TauHeute nehme ich das in die Jahre gekommene Buch „AUSTROMIR 91 – Der österreichische Schritt ins Raumfahrtzeitalter“, Edition Tau / Bad Sauerbrunn, in die Hand – und als ich es aufschlage, fallen mir zwei Autogrammkarten entgegen: Dipl.-Ing. Franz Viehböck, sagt die eine, und Dr. Clemens Lothaller, sagt die andere. Beide sind auf recyceltem Papier gedruckt, und wenn man sie umdreht, eröffnet sich einem die intime Welt des ersten und einzigen österreichischen Kosmonauten und seines Ersatzmannes: Viehböck sei ein Nachtmensch, lese ich, seine Lieblingsblume eine Rose und sein Lieblingsessen Schokoladepalatschinken! Lothaller sei ins Schottengymnasium gegangen, sei Bassist in einer Jazzband und esse am liebsten Kalbsgulasch („mit Nockerl“). Und dann, kleingedruckt: „Folgende Unternehmen haben bisher AUSTROMIR unterstützt: Anker Brot, Bundesländer-Versicherung, Hornig Kaffee, Steyr-Daimler-Puch…“ Es wird einem fast wehmütig ums Herz.
Es ist, irgendwie, auch eine andere Zeit, die aus den Buchdeckeln heraus fällt. In dieser Zeit gibt es noch die gewaltige Sowjetunion und im kleinen Österreich – diesseits des Eisernen Vorhangs, der sich knapp an Wien vorbei quer durch Europa zieht – den Schilling. Es sind die späten achtziger Jahre. Es gibt keine Smartphones, sondern schuhschachtel-große Mobiltelefonanlagen für die, die es sich leisten können. Das Fernsehprogramm endet um Mitternacht mit der Bundeshymne. Das World Wide Web wird gerade erst geboren.
Und über den Köpfen in Ost und West kreist die brandneue, hochmoderne Raumstation MIR.

Teil 1: Ministeriumsparkett, Langenlebarn, Sternenstädtchen – die Vorbereitung von AUSTROMIR

Im Juli 1987 absolviert der Vorsitzende des Ministerrates der UdSSR, Nikolai Iwanowitsch Ryschkow (ein ehemaliger Schweißer einer Fabrik im Ural), einen Staatsbesuch in Wien. Dieser Besuch ist die Keimzelle von AUSTROMIR, denn der hohe Gast schlägt die Möglichkeit eines österreichischen Raumflug-Teilnehmers vor. Dass Staatsbürger anderer Länder bei den Sowjets – der großen Raumfahrt-Macht – mitfliegen dürfen, ist nichts Neues, und das beschränkt sich nicht einmal mehr auf solche aus sozialistischen „Bruderstaaten“. Gespräche auf technischer Ebene in Moskau folgen kurz darauf. Am 5. April des Folgejahres 1988 kommt es in Wien zu einem denkwürdigen Ministerrats-Beschluss: Man nimmt die Einladung aus Moskau an.
Im Oktober 1988 – ziemlich genau drei Jahre vor dem Flug – unterzeichnen der österreichische Bundeskanzler Vranitzky und Ministerpräsident Ryschkow den „Staatsvertrag zwischen der Republik Österreich und der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken über die Durchführung eines gemeinsamen österreichisch-sowjetischen Raumfluges“ (man beachte die Reihung der Adjektive…). Damit ist der rechtliche Rahmen festgelegt, der nur wenige Wochen darauf in einem privatrechtlichen Vertrag detailliert wird. Dort ist zu lesen, was wie die Beschreibung eines Abenteuers in einem sehr spezialisierten Urlaubskatalog klingt: Pauschalreise für 85 Millionen Schilling! Inkludiert sind die Ausbildung zweier österreichischer Kosmonauten, achttägiger Flug eines der beiden in den Weltraum, dazu 14 wissenschaftliche Experimente (gemeinsam ausgewählt) und zusammen nicht schwerer als 150kg (!), Transport derselben zur Raumstation MIR, Rücktransport der Ergebnisse mit einem Gesamtgewicht von nicht mehr als 5kg (exklusive Kosmonauten…). Ein unmoralisches Angebot? Mitnichten: das günstigste Pauschalticket, das zu lösen war. Japan, England und Deutschland bezahlen für ihre Kosmonauten Akiyama, Sharman und Flade mehr als eineinhalb Mal so viel.
Die Forschungsgesellschaft Joanneum wird auf nationaler Ebene mit dem Projekt-Management beauftragt. Nun fehlen nur noch zwei Kosmonauten.

Um Kandidaten zu finden, die österreichische Helden werden können und nebenbei ihr Leben als Raumfahrer neu definieren wollen, startet man Aufrufe in Radio und Zeitungen. Rund 110 Kandidaten kommen in die erste Auswahl, und Kosmonaut Viehböck erinnert sich an die erste bewegende Reaktion auf seine aus Spaß und Neugierde abgeschickte Bewerbung: „Der ORF rief bei mir an – ich gab das erste Radio-Interview meines Lebens.“ Da ist er also eine Berühmtheit für ein paar Minuten im Äther geworden, während Gorbatschow in der Sowjetunion die Perestroika beginnt und Celine Dion den Eurovision Song Contest gewinnt („Ne partez pas sans moi“; Fahrt nicht ohne mich – das perfekte Motto der in Fahrt kommenden österreichischen Kosmonauten-Auswahl).
Die ersten Untersuchungen beginnen, und jeder, der glaubt es bis zum Kosmonauten an der Spitze einer Sojus-Rakete zu schaffen, darf diese Untersuchungen erst einmal selbst bezahlen. Fliegerarzt Joachim Huber und Flug-Psychologe Walter Bein übernehmen die Leitung der medizinischen Auswahl. Ende Jänner 1989 ist die Gruppe auf 70 Kandidaten geschrumpft. Die Kriterien werden härter, die medizinischen Belastungen auch, und Mitleid oder Sanftmut sind nicht zu erwarten. Die Auswahl – Herz-Kreislauf-Tests, senso-motorische Tests und Psycho-Tests – verlangen den „Österreichern, Maximalalter 40, mit naturwissenschaftlicher Ausbildung“ alles ab. Aber sogar Gehaltsvorstellungen für die Rolle des ersten Österreichers im All werden bereits ganz zu Beginn erfragt!
Nach dem dritten Schritt, Interviews mit Aufzeichnung psychophysiologischer Messwerte vorher, währenddessen und danach, einigt man sich auf 30 Personen, die nun schon stolz auf das Erreichte sein dürfen. Es ist Februar 1989. Die Sowjetunion zieht aus Afghanistan ab. Der erste GPS-Satellit wird in den Weltraum gebracht. Und im Ausbildungszentrum Wiener Neustadt geht es jetzt wirklich zur Sache: Fallschirmspringen, Gewaltmarsch, „militärische Realflugbelastungen“. Dabei erfahren die Kandidaten erstmals, was es heißt, mit 5g auf dem Brustkorb in einen Sitz gepresst zu werden, und welche Gefühle bei Drehstuhlbelastungen mit einer Beschleunigung von 180 Grad pro Sekunde aufkommen – Kopf nach unten und Augenbewegungen in einem strengen Muster inklusive.
Es folgen ein fünfter, sechster und siebenter Auswahlschritt, unter anderem mit den medizinischen Hauptuntersuchungen und einem 54-stündigen Schlafentzug. 13 Personen haben bisher noch durchgehalten und den Anforderungen entsprochen, doch nun, im achten Selektionsschritt, wird ihre Zahl gemeinsam mit Experten der sojwtischen Raumfahrt auf sieben halbiert. Sie heißen: Mag. Peter Friedrich, Dipl.-Ing. Elke Griedl, Obst.Ltnt. Robert Haas, Mag. Manfred Jeitler, Dr. Clemens Lothaller, Dipl.-Ing. Franz Viehböck und Mag. Gertrud Waich. Für diese kleine, erlesene (oder sollte man besser sagen: verlesene) Gruppe beginnt nun ein beinhartes Fitnesstraining. Und dann – geht es nach Moskau. Es ist der 15. September 1989,als die AUA-Maschine von Wien-Schwechat abhebt. Mit an Bord ist der erste Österreichischer im All – doch noch weiß niemand, wer es ist.

Die letzten 7 der AustroMir Kandidaten

Die letzten 7 der AustroMir Kandidaten (c) Austromir.at

Die Ernüchterung in Moskau folgt auf den Fuß. Die sowjetische Ärzteschaft möchte sich ihr eigenes Bild über die Gruppe „Gastarbeiter“ machen und tut dies gründlich und wenig zimperlich. Franz Viehböck: „An jedem gab es irgendetwas auszusetzen… Doch mit der Zeit gewöhnten wir uns an die griesgrämige, leicht depressive Stimmung.“ Und kaum erholen sich die etwas Verschreckten vom Kulturschock, geht es richtig zur Sache. Fallschirmspringen am Fliegerhorst Brumowski (ein Fliegerass des Ersten Weltkriegs) im beschaulichen Niederösterreich? Das ist Erinnerung. Gegenwart ist: die Unterdruckkammer, Sturzflugsimulation aus 5000m Höhe; und dann: 8g in der größten Zentrifuge der Welt, 18 Meter lang, 200 Tonnen schwer, von siebentausend Watt angetrieben. Furchteinflößend! Doch das Ding steht inmitten eines bröckelnden Staates. Wieder Viehböck: „Ich wurde schon beim Betreten des Raumes, in dem es sich befindet, von der russischen Realität eingeholt. Ich öffnete die Türe und … hatte die Türschnalle in der Hand.“

Von der Realität werden kurz darauf auch fünf der tapferen sieben Österreicher eingeholt, praktisch am letzten Meter vor der Ziellinie. Samstag, 6. Oktober 1990: Es ist soweit. Vor drei Tagen wurde Deutschland wiedervereinigt. Und die im Vertrag festgelegten „zwei Kosmonauten“ aus der Alpenrepublik zur Ausbildung im fernen Osten werden nun von der österreichischen Kommission bekannt gegeben: Franz Viehböck und Clemens Lothaller. Die anderen fünf: Dankeschön, Sie waren alle ausgezeichnet.

Mit Sekt bzw. Wodka durch die Nacht gefeiert, finden sich die zwei, die nun wirklich und tatsächlich übrig geblieben sind, bald darauf in Wien wieder, um dort zu „Sonder-Vertragsbediensteten des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung“ bis 1993 zu werden, monatliches Bruttogehalt: 95.000 Schilling, inklusive im Ausland anfallender Kosten. Es folgt die Euphorie der plötzlichen Berühmtheit: Kameras und Mikrophone, quasi auf Schritt und Tritt, Sponsorenverträge, teure Hotels von Graz bis Innsbruck. Es wird Weihnachten 1990. Und dann trifft sie, etwas unvorbereitet, „der kalte Atem Moskaus“ (C. Lothaller). Abschied aus Österreich im Winter – ein neues Leben im Sternenstädtchen beginnt für zwei, die noch vor kurzem diesen mythischen Ort im russischen Reich gar nicht kannten.

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